29. Mai 2015 bis auf Weiteres in der Zinnfigurenausstellung


In einer neuen Sonderausstellung im Volkskunde- und Freilichtmuseum Roscheider Hof zeigt Klaus Gerteis, wie sich aus den zierlichen Wiener Bronzen und den Bleisoldaten die Kasminsimsfiguren und andere Nippesfiguren der späten Gründerzeit entwickeln. Die kleine Ausstellung ist im Zinnfigurenmusseum zu bewundern.

Am Anfang stand die „Ehe“ von „Wiener Bronzen“ mit den „Heyde-Figuren“ um 1900

1872 wurde die Firma Georg Heyde in Dresden gegründet, sie stellte in großer Vielfalt vollplastische Bleifiguren zu historischen, völkerkundlichen, militärischen und anderen Themen her (nicht von Ungefähr nannte Markus Grein sein Standardwerk „Mit Heyde-Figuren um die Welt“/2003). In dieser Zeit entstanden in Europa weitere Produzenten von „Bleifiguren“: C.B.G. Mignot in Frankreich, Woller in Österreich, Britains in England, wobei die Firma Britains schon 1893 ihre Produktion generell auf das Hohlgussverfahren umstellte – zur Einsparung von Material- und Versandkosten.

Und eine andere Art kleiner Metallfiguren waren damals die „Wiener Bronzen“. Es waren Miniaturplastiken, die nach aufwendigen Gussverfahren (in „verlorenen“ Formen mit dem sog. „Wachsschmelzverfahren“, oder in Sandformen) gegossen, von Ziseleuren detailliert nachbearbeitet und mit speziellen Farben bemalt wurden. Sie waren im Unterschied zu den Spielzeug-Bleifiguren recht teuer und als Dekorationsstücke in Vitrinen und auf „Herrenschreibtischen“ gedacht. Um 1900 gab es in Wien an die 80 Betriebe, die Bronzefiguren herstellten. Neben dekorativen realistischen Tierbronzen, orientalischen Genreszenen und Erotischem produzierten die Wiener Werkstätten Unmengen von Humoristischem und Skurrilem in Miniaturformat: vermenschlichte Tiere (Katzen, Hunde, Affen, Schweine, Hasen, Frösche), afrikanische Kinder etc. Und das kopierten nun die Hersteller von Bleifiguren – insbesondere die Firma Heyde in Dresden (die sprichwörtlichen „Heyde-Nippes“) –

Und dabei hatten sie den Wiener Bronzen neben dem wesentlich niedrigeren Preis etwas Weiteres voraus:

Das Hohlgussverfahren

Zwei Grundtatsachen sind vorwegzuschicken: Bronze hat einen etwa dreimal so hohen Schmelzpunkt wie eine Blei/Zinnlegierung, sie erstarrt also umgehend. Und Bronze wurde in der Regel mit Hilfe der Schwerkraft gegossen, d. h. ohne Druck, so dass verzweigte Teile (Arme, Beine usw.) separat gegossen und dem Hauptteil später angelötet wurden. Die Ausstellung enthält ein solches Gussteil. „Wiener Bronzen“ konnten also nicht als Hohlgüsse hergestellt werden. Ein geübter Gießer von Blei/Zinnfiguren konnte dagegen, wenn Teile der Figur erkaltet waren, die noch flüssige Masse im Inneren wieder ausschütten. Wurden nun Kopf und Rumpf einer Figur separat nach diesem Verfahren gegossen, so ließ sich durch das Einlöten einer Stahlfeder eine Wackelkopffigur herstellen. Wackelköpfe aus Bronze sind dem Aussteller nicht bekannt.

Die Wackelköpfe

Sie sind ein zentraler Bestandteil dieser kleinen Sonderausstellung innerhalb der ständigen Zinnfiguren-Ausstellung des Museums. Nach über sechs Jahrzehnten der Zinnfigurensammelei gibt es halt immer wieder etwas Neues zu entdecken. Ursprünglich gab es bei Porzellanfiguren (die ja auch im Hohlgussverfahren hergestellt werden) auch „Wackelköpfe“, allerdings werden dort die Köpfe am Kragen der Figur „aufgehängt“ und mittels eines herabhängenden Gewichtes gemächlich von stets vorne nach hinten und umgekehrt bewegt – die Metallwackelköpfe reagieren auf einen leichten Anstoß ganz anders.

Und wie es weiter ging.

Waren die Wiener Bronzen schon beliebt als Ausstattungsgegenstände von Herrenschreibtischen, so kamen nun Heyde und Konsorten auf weiterführende Ideen: Tintenfässer, Schreibfedernreiniger, Wechselkalender, Streichholzhalter, Aschenbecher, Nadelkissen usw. kamen hinzu. Teilweise mit Wackelköpfen. Dass dabei die gleichen Figuren mehrfache unterschiedliche Verwendungen als Vitrinenschmuck, als Wackelkopf, als Schreibtischwerkzeug fanden, entsprach dem Geschäftsgeist der Hersteller. Vieles ging in das Vereinigte Königreich oder nach Nordamerika, von woher etliche der hier ausgestellten Stücke wieder reimportiert wurden. Ein Beispiel sind die kleinen englischen Foxhunters, sie hatten ihre Bronzevorbilder, wurden dann von Heyde massenhaft produziert und von John Hill (JOHILLCO) in den englischen Kaufhäusern stückweise preiswert vermarktet, so dass man sie heute nicht selten im Internet wieder angeboten findet.

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