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Erlöserkirche - Gedenkstätte vor dem Pfarrhaus

Gerolstein, Gemeinde Gerolstein
Sarresdorfer Straße 15 A

Beschreibung

Damit die Ereignisse aus der Kriegszeit um Weihnachten 1944 und die Menschen, die darin eine Rolle spielen, nicht vergessen werden, bat ich die Gerolsteiner Malerin, Gertrud Becker, geb. Clemens, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Aus ihren Aufzeichnungen als Zeitzeugin habe ich den folgenden Bericht verfasst: Erinnerung an die Diakonisse, Schwester Edmeé Adriany, die meine Freundin wurde. Der Krieg hielt sie, von ihrem Heimaturlaub aus Jerusalem kommend, wo sie arbeitete, in Gerolstein fest. Und so wohnte sie von 1939 bis 1945 im evangelischen Schwestern-Erholungsheim, direkt neben der Erlöserkirche. Hier fanden Diakonissen aus zerbombten Städten einige Wochen Erholung in der noch friedlichen Eifel. Meine Familie besaß ganz in der Nähe, in der Gartenstraße, ihr Haus und einen landwirtschaftlichen Betrieb, aus dem das Schwesternheim beliefert wurde. So kam es, dass mir diese bemerkenswerte Frau auffiel, denn Schwester Edmeé ignorierte mutig alle damals erlassenen strengsten Verbote, sie half allen Menschen, egal ob es Kriegsgefangene waren, oder zur Arbeit verpflichtete Franzosen, Polen oder Russen. Ganz besonders nahm sie sich der Familie Mannsbach an, Gerolsteiner jüdischen Glaubens, die vor ihrem Weg ins Vernichtungslager bereits arge Not litten. Mit ihrer eigenen Lebensmittelkarte sorgte sie für deren Lebensunterhalt. Sie schenkte einem französischen Kriegsgefangenen, Roger Pillot, der in der Nachbarschaft zur Feldarbeit verpflichtet war, spontan eine Bibel. Das imponierte mir. So freundeten wir uns an. Sie kam gerne zu uns, denn von meiner gesamten Familie wurde sie hoch geschätzt. Auf dem Gelände des Gerolsteiner Sprudel gab es damals ein Lager mit weiblichen Gefangenen, elsässische, und französische Frauen, die dort zur Arbeit verpflichtet waren. Eine von ihnen war Mme. Dorr aus Nancy. Sie wurde verurteilt, weil sie es gewagt hatte, Landsleute vor der SS zu retten. Bei ihrer Festnahme wurde sie misshandelt und davon so krank, dass sie unfähig war die schwere Arbeit zu verrichten. Mme. Dorr kam ins Gerolsteiner Krankenhaus, sie hatte ihr Bett neben dem meiner Mutter, die sich damals nach einer Operation erholte. Trotz Sprachschwierigkeiten entwickelte sich sofort eine große Sympathie zwischen den beiden Frauen. Bald hatte Madame, wie wir sie nannten. auch meine Schwestern und mich ins Herz geschlossen. Es kam noch besser, denn meine Freundin, S. Edmeé, die ich bei der nächsten Gelegenheit mitnahm, konnte sich in bestem Französisch mit Madame unterhalten. Dieser war die Freude anzusehen, Heimatlaute zu hören und das Leid, aus der Familie fortgerissen und krank in einem fremden Land Zwangsarbeit zu leisten, rückte für die Zeit unserer Besuche in den Hintergrund. Den mehrmaligen Aufforderungen der Aufseherin, die Gefangene endlich wieder in die Fabrik zu entlassen, widersetzte sich Dr. Hans Luy immer wieder aufs Neue. In das Gerolsteiner St. Elisabeth Krankenhaus, wo das Pflegepersonal ausschließlich aus Franziskanerinnen bestand, frommen Nonnen, die auch während den Bombardierungen unter Missachtung der eigenen Sicherheit ihre Kranken bestens versorgten, wurden auch einige verletzte gefangene US-Amerikaner zu Behandlung eingeliefert. Es handelte sich um abgestürztes Bordpersonal der US Airforce Bomber. Diese befürchteten das Schlimmste, und auch, dass sich die Deutschen ihrer Wertsachen bemächtigen würden. Als sie erfuhren, dass sich in ihrer Nähe eine Patientin aus Nancy befand, gaben sie ihr ein Päckchen mit all ihren persönlichen Wertsachen zur sicheren Aufbewahrung. Bald fungierte S. Edmeé, die gut Englisch sprach, auch für die Amerikaner, wie für uns alle als Dolmetscherin. Dadurch gerieten sämtliche Beteiligte, besonders jedoch die Diakonisse und der Chefarzt, Dr. Luy, in große Gefahr. Vor Verrat war in jener schlimmen Zeit niemand sicher. Als im November 1943 Madame Dorr erneut eine Operation bevorstand, vertraute sie vorher mir das Päckchen mit den Wertsachen der amerikanischen Gefangenen an. Keiner von uns, der noch mit Madame gesprochen und gehofft hatte, ahnte was kurz darauf, an jenem 19. November 1943 geschah. Es war der Tag der Operation. Von Unruhe gepackt, eilten S. Edmeé und ich ins Krankenhaus. Die Operierte war eben aus der Narkose erwacht, wir durften zu ihr. Meine Freundin übersetzte ihre kaum hörbaren Worte: "Hier kommen meine besten Freunde!" Kurze Zeit darauf starb sie. Es war nicht zu begreifen! Das erste, das mir durch den Kopf schoss, war, dass es ihr nicht mehr vergönnt war, ihren geliebten achtjährigen Sohn noch einmal im Leben in ihre Arme zu schließen. Hier im St. Elisabeth Krankenhaus trafen sich die Menschen: Franzosen, Amerikaner, Russen und Deutsche, und nicht deren Zerrbilder, die man für und wegen eines Krieges errichtet hatte. Unserem katholischen Pfarrer war damals strengstens untersagt worden, die Beerdigung von Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern zu begleiten, er setzte sich über das Verbot hinweg. Dieser mutige Priester, einige französische Gefangene, S. Edmeé und ich bildeten den kleinen Trauerzug, der die Französin auf unseren Sarresdorfer Friedhof begleitete, wo sie nach christlichem Ritus beerdigt wurde. Madame Dorr’s letzte Ruhestätte war nie ohne Blumenschmuck. All dies hätte nie sein dürfen. So waren S. Edmeé und ich wie Verschworene, hätte jemand uns verraten, wären wir hart bestraft worden. Jules Chaplein, ein katholischer Geistlicher aus Frankreich, befand sich damals ebenfalls in einem Gefangenenlager in Daun. Er durfte aber in Begleitung eines Wachmanns seine ebenfalls gefangenen Landsleute besuchen, auch die in Gerolstein, Wie aus seinem Brief an den evangelischen Pastor, Herrn Bernhard Wiebel in Gerolstein, hervorgeht, hatte ab 1941 Madame Dorr 850 Kriegsgefangene befreit. Ihre enge Freundin und Mitgefangene in Gerolstein, Frau Anna Wagner aus Mompach (Lux.) veranlasste mit ihrem persönlichen Antrag an General Charles De Gaulle, dass Madame Dorr vom Sarresdorfer Friedhof auf den Friedhof nach Nancy überführt wurde. Nachdem am 16. Dezember 1944 die Ardennenschlacht begann, nahmen die Bombardierungen an Intensität so zu, dass das Schwesternheim jetzt fast leer stand. Lediglich S. Edmeé und ihr alter Vater, um den sie so besorgt war, lebten dort. Am 25. Dez. 1944 wurde das Schwesternheim bei einem Angriff zerstört, S. Edmeé und ihr Vater benötigten eine neue Bleibe. Sie erhielten von Pfarrer Bernhard Wiebel die Genehmigung in der Sakristei der Erlöserkirche und in dem darunter liegenden Keller sich eine Art Notwohnung einzurichten. Am 2. Januar erfolgte ein besonders schwerer Bombenangriff, meine Familie hatte in einer der Höhlen der Munterley Schutz gesucht, dadurch überlebten wir alle. Bevor wir hinaufstiegen hatte ich mit S. Edmeé abgemacht, dass wir uns abends bei uns daheim treffen würden. Als wir aber beim Dunkelwerden von der Munterley ins Tal kamen, erfasste uns der Schock, unsere Gartenstraße war nicht mehr zu erkennen, alles was wir besaßen, lag in Trümmern. Dann sahen wir Herrn Adriany über den Trümmerschutt der Straße klettern, als er uns erkannte, hob er verzweifelt die Arme und rief außer sich vor Schmerz: "Helft mir! O helft mir! Sucht mir meine Edmeé!" Sie habe zu ihrem Vater gesagt, sie wolle nach dem Rechten sehen. Sie schaute direkt nach jedem Angriff nach Brandbomben und warf sie aus den Gebäuden heraus, dorthin ins Gelände, wo sie keinen Schaden mehr anrichten konnten. Aber, kaum dass seine Tochter fort war, seien erneut Bomben gefallen, von denen eine das Pfarrhaus traf. Meine Schwester und ich versuchten den Vater zu trösten und gingen nun selbst auf die Suche. Wir waren auf das Schlimmste gefasst, als wir die Trümmer des Hühnerstalls sahen. Dann sahen wir S. Edmeé, tot gegen eine Wand gelehnt. Wir erstarrten, wollten es nicht wahrhaben. Wie sollten wir das Herrn Adriany sagen? Es waren keine schweren äußeren Verletzungen sichtbar. Vermutlich hatte der gewaltige Druck der Luftminen sie sofort getötet. Meine Schwester besorgte eine Decke, da hinein wickelten wir schweren Herzens die tote S. Edmeé und trugen sie in die Erlöserkirche, neben den Altar, wo sie dem Herrn als Messnerin so oft gedient hatte. Herr Pfarrer Wiebel, der mit seiner Familie in Bewingen bei Familie Pawlack Obdach gefunden hatte, wurde sofort benachrichtigt. Er kam so rasch wie möglich, er veranlasste, dass sechs amerikanische Kriegsgefangene kamen, die ein Grab auf dem Sarresdorfer Friedhof ausheben sollten. Denn bei der zunehmenden Bombardierung konnte keiner sicher sein, den nächsten Tag zu überleben. Die Erde des Friedhofs war aber so fest gefroren, dass es unmöglich war, auch nur einen Spatenstich zu tun. Da wurde beschlossen, die Verstorbene direkt vor dem Pfarrhaus, in einem der frischen großen Bombentrichter zu bestatten. Es gab längst schon keinen Sarg mehr in Gerolstein. In die Decke gehüllt wurde S. Edmeé in die Erde gelegt. Sie hatte immer gehofft, länger als ihr Vater zu leben, damit sie ihn bis zuletzt beschützen könne. Nun stand er weinend am Grab seiner treuen Tochter. Während in Gerolstein ringsum Rauch aus hell lodernden Trümmern stieg, betete Pfarrer Wiebel mit uns das Gloria in Excelsis Deo und die Amerikaner sagten mit uns: Amen. Heute, am 17. Juni 2013, beende ich diesen Bericht. Ich bin jetzt 90 Jahre alt. Es ist aber alles, als sei es gestern erst gewesen. Ich wurde kürzlich gebeten, das Erlebte unbedingt aufzuschreiben, weil es wichtig sei, es ginge sonst auf immer verloren. Es fiel mir sehr schwer, es zu Papier zu bringen, es wurden fünf mit der Hand geschriebene Seiten. Ich muss zugeben, wir haben selbst viel erlitten, aber wir litten auch mit den andern, oftmals war es unmöglich zu helfen, das war das Allerschlimmste dabei. Doch haben wir in jener schweren Zeit auch so viel Gutes erfahren. Eines Tages, nachdem der unselige Krieg sein Ende gefunden hatte, waren meine Eltern, Schwestern und ich gerade dabei, auf unserer Wiese das Heu aufzuladen, als die zwei kleinen Töchter von Pfarrer Wiebel angelaufen kamen. Ihr Vater hatte sie auf die Suche nach uns geschickt, denn sie kamen in Begleitung von zwei der ehemals gefangenen Amerikanern, denen ich die Wertsachen zurückgegeben hatte. Sie waren jetzt wieder US Soldaten und wollten uns unbedingt noch einmal sehen. Ihre Familiennamen waren "Kessler" und "Lucien". Leider konnten wir uns nicht verständigen, unsere Dolmetscherin, Schwester Edmeé, fehlte uns. Die beiden Amerikaner hatten bereits ihr Grab besucht. Das war ihnen wichtig, S. Edmeé diese Ehre zu erweisen. Denn auch für diese beiden war die Diakonisse ein Licht inmitten der Finsternis, das immer weiter strahlen wird, wenn von ihr gesprochen oder von ihr gelesen wird. Bis heute bin ich der edlen Diakonisse, Schwester Edmeé Adriany von Herzen dankbar für ihr so lebendiges christliches Vorbild, das sie mir war und für ihre so wertvolle Freundschaft. Im Februar 1945 hatte Pfarrer Bernhard Wiebel im Einvernehmen mit Herrn von Mirbach unserer ausgebombten Familie die Keller der Erlöserkirche und des zerstörten Schwesternhauses, die Garage mit Nebenräumen zur Wohnung überlassen, mit der Auflage, die bombenbeschädigte Erlöserkirche mit all ihren wertvollen Einrichtungen und das Gelände zu bewachen und zu umzäunen. Außerdem sollten wir drei Mädchen dreimal am Tage die Glocken läuten. Wir hatten damit endlich wieder ein Dach über dem Kopf und wohnten dort bis 1950. Trotz bitterer Armut und Zerstörung lebten wir Katholiken in der wohltuend guten und harmonischen Gemeinschaft mit unseren evangelischen Nachbarn. In diesem Jahr wird dieses besondere Bauwerk 100 Jahre alt. Ich wünsche allen, die an diesem großen Fest teilnehmen, viel Freude. Mein Wunsch zum Jubiläum dieser einzigartigen Kirche, die ich oft und gerne gemalt habe, ist, dass sie fortan im Frieden als geweihter Ort christlichen Glaubens ihr Portal für alle geöffnet hält. [Gertrud Becker geb. Clemens] Als Frau Martha Wiebel, die Ehefrau des evangelischen Pfarrers Bernhard Wiebel, am 1. Juni 1945 verstarb, erfüllte man ihren Wunsch, neben Schwester Edmeé, mit der sie befreundet gewesen ist, beigesetzt zu werden. Dies geschah. Zunächst gab es zwischen den beiden Gräbern ein gemeinsames Holzkreuz mit der Inschrift: "Siehe ich bin des Herren Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast". Im Jahre 1951 stiftete Pfarrer Wiebel das heute noch vorhandene Mahnmal mit der Inschrift: "Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind". (Psalm 34.1) [Wilma Herzog, Gerolstein, 2013.]

Einordnung

Kategorie:
Bau- und Kunstdenkmale / Sakralbauten / Bildstöcke und Kreuzwegstationen
Zeit:
1951 (Einweihung)
Epoche:
20. Jahrhundert

Lage

Geographische Koordinaten (WGS 1984) in Dezimalgrad:
lon:   6.655077
lat: 50.223627
Lagequalität der Koordinaten: Vermutlich
Flurname: Auf dem Hofacker

Internet

http://www.gerolstein.de/ http://www.gerolstein.de/

Datenquelle

Gertrud Becker geb. Clemens und Wilma Herzog, Gerolstein, 2013.

Bildquellen

1 Bild: © Wilma Herzog, Gerolstein, 2013.
2 Bild: © Wilma Herzog, Gerolstein, 2013.
3 Bild: © Wilma Herzog, Gerolstein, 2013.
4 Bild: © Wilma Herzog, Gerolstein, 2013.
5 Bild: Sammlung Wilma Herzog, Gerolstein, 2013.

Stand

Letzte Bearbeitung: 15.08.2013

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