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Jüdischer Friedhof - Grabsteine

Freudenburg, Gemeinde Freudenburg

Beschreibung

1. Photo: Der mittlere (Feld A, Nr. 2) als beeindruckendster und viertältester der Steine ist eine 0,83 Meter hohe und 0,65 Meter breite Mazzewa aus feinkörnigem gelb-weißem Sandstein, deren ursprünglich wohl abgerundetes Oberteil und rechte Seite stark zerstört sind, mit noch erkennbaren 13 Zeilen Text. Die Rückseite enthält eine zweizeilige Inschrift, der linke untere Teil des etwa 20 Zentimeter dicken Grabsteins verwittert zusehends; seit 1998 ist ein mehr als handtellergroßes Stück abgebrochen. Der lange Text der Vorderseite enthält die Identität des Toten, sein Sterbejahr 1770/1 und eine fast lyrisch zu nennende Eulogie (Lobpreisung). [Hier ist geborgen] [der Gerech]te [?] und Aufrechte, all [seine Taten] verrichtete er tugendhaft, am Ewigen haftete seine Seele in Aufrichtigkeit, von keinem Gebot des Ewigen wich er ab, … Tag für Tag mit den zehn Geboten, sein Leib ru[he] in der Erde und seine Seele sei im Gar[ten Eden erwünscht.] Es ist dies der Herr Schlomo, (Sohn des) Eliezer Josef Hektar [Levi ? ...] welcher mit den ... Barmherzigkeit erwies ... und begraben wurde am ... 531 nach der [kleinen] Zählung ... Auf der ebenfalls stark verwitterten Rückseite ist zu lesen: [Schlomo, Sohn des] Elieser Josef, sein Andenken zum Segen. Die Länge der Eulogie läßt darauf schließen, daß der Verstorbene eine angesehene Persönlichkeit war: Er wird u.a. als der Gerechte und Aufrechte bezeichnet und soll über wichtige religiöse Tugenden verfügt haben - Formulierungen, die auf einen besonders frommen Mann, vielleicht den Vorbeter in der Synagoge hinweisen könnten. Außerdem war er wohl, worauf die Wendung welcher[...]Barmherzigkeit erwies hinweist, Mitglied der Chewra Qaddischa, der Beerdigungsbruderschaft. Diese nahm sich zum einen der Schwerkranken und Sterbenden an und sorgte für medizinische Hilfe, Pflege und Nahrung armer und hilfloser Glaubensbrüder; zum anderen kümmerte sie sich um die rituelle Herrichtung des Toten für die Beerdigung und eine würdige Bestattung. Ihre Mitglieder genossen hohes Ansehen, so daß das Privileg einer Mitgliedschaft nur den Würdigsten zuerkannt wurde. Der Verstorbene dürfte Salomon Picard (= Schlomo ben Elieser Joseph) gewesen sein, der seit 1761 in Freudenburg nachzuweisen ist; er hatte 1760 Reitz Kaan, die Tochter des bekannten Joseph Kaan geheiratet, und war 1770/1 gestorben. Sein Großvater dürfte Joseph ben Leib Picard (Levi) aus Trier gewesen sein, der von 1710 bis 1725 in Freudenburg lebte, sein Vater Leib (= Elieser) Joseph, der von 1726 bis 1731 hier lebte. Hier ist geborgen ein lauterer und aufrechter Mann, der geehrte Gamliel, Sohn des David Hakohen Ein Mann, den Ewigen ehrfürchtend, aus dem Stamme Aharon Hakohens, den Mantel der Gerechtigkeit trug er, (durch) seiner Hand Mühe ernährte er sich, Friede und Wahrheit liebte er, zum ewigen Gedenken sei er. Er hinterließ Segen, die Herrlichkeit des Ewigen wird ihn aufnehmen, seine Gerechtigkeit zieht ihm voran, das Licht wird er ewig schauen. Er schied hin in seine Welt am Tag 4, 21. Schwat des Jahres 622 nach der kleinen Zählung. Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens, der Tod hat auf ewig verschlungen. 2. Photo: Hier ruht Gabriel Kahn gest. a. 22. Dezember 1861 Friede seiner Seele. Der Grabstein von Gabriel Kahn (Feld B, Nr. 5) ist eines der eindrucksvollsten Grabmale: ein aus nicht zugehörigem, 0,35 Meter hohem Postament und Oberteil bestehender und aus feinem Rotsandstein gefertigter Grabstein, der sich nach oben verjüngt und mit etwa 1,75 Meter Höhe und aufgrund der kunstvollen Art der Bearbeitung über die anderen hinausragt. Das Oberteil ist ein verlängerter Rundbogen mit einem Durchmesser von 0,50 m, der sich im Innern zum Hufeisenbogen wölbt. Im Zentrum ist das Aaronidensymbol zu sehen: Die Hände senkrecht nach oben gerichtet, der Daumen abgespreizt, Zeige- und Mittelfinger sowie Ring- und kleiner Finger liegen aneinander, die Hände berühren sich mit den Daumen. Dies ist die Handstellung der Kohanim (Priesterstamm) beim aronitischen Priestersegen. Das Symbol ist von einem Ring aus Efeublättern, die das ewige Leben darstellen sollen, und einem maurischen Korb- oder Hufeisenbogen umgeben, der auf die orientalische Herkunft der Juden hinweist. Dies sind Zeichen für einen traditions- und selbstbewußten, frommen, recht wohlhabenden und angesehenen Juden; die Hinzufügung bürgerlicher Namen und Sterbedaten in lateinischen Lettern weist andererseits auf eine gewisse Assimilierung und Akkulturation hin. Der hebräische Name des Verstorbenen war Gamliel bar David haKohen (Geb. 22.02.1797, Gest. 22.01.1862). Gamliel ist die hebräische Form seines Vornamens und bedeutet Gott ist Vollkommenheit, David weist auf seinen Vater (Geb. um 1758, Gest. 26.07.1834), haKohen auf die Herkunft aus dem Priesterstamm hin. Erst seit 1808 trägt er den Familiennamen, den sein Vater mit dem germanisierten KAAN angab. Die 16-zeilige hebräische Inschrift ist in drei, jeweils durch einen Satztrenner (:) voneinander abgegrenzte Abschnitte eingeteilt, von denen der erste (Zeile 1 - 3) und der letzte (Zeile 14 - 16) standardisierte Formeln der Eulogie enthalten, während der mittlere Teil die Person zu charakterisieren versucht. Dieser Bereich (Zeile 4 - 13) wird bestimmt durch das Namensakrostichon, d. die Anfangsbuchstaben jeder Zeile am rechten Rand entsprechen einem Buchstaben des Namens Gamliel (Zeile 4 - 9) und des sich anschließenden, durch einen Satztrenner getrennten haKohen (Zeile 10 - 13). Zu Beginn ist die übliche Eingangsformel Hier ist verborgen zu lesen; es schließen sich eine allgemeine Lobpreisung durch ein lauterer und aufrechter Mann und die Nennung des Namens an. Im Mittelteil steht anfangs das irdische Leben im Vordergrund: Vorzüge und Eigenschaften (Z. 6: den Mantel der Gerechtigkeit trug er; Z. 8: Frieden und Wahrheit liebte er) werden hervorgehoben, das gottgefällige Leben (Z. 4: Ein Mann, den Ewigen ehrfürchtend), durch das er sich Verdienste erworben hat, betont; auch der Erwerbstätigkeit als Händler (Z. 7: durch seiner Hand Mühe ernährte er sich) wird gedacht. Der zweite Abschnitt des mittleren Teils wendet sich der Welt zu, in die Gabriel gehen soll. Aufgrund seines Lebenswandels und seiner irdischen Verdienste (Z. 10: Er hinterließ Segen; Z. 12: seine Gerechtigkeit) warten die Herrlichkeit des Ewigen und das Licht auf ihn. Die Inschrift endet mit dem Sterbedatum nach hebräischer Zeitrechnung und dem Segensspruch, der auf vielen Grabsteinen zu lesen ist: die Abbreviatur T.Z.H. in der letzten Zeile steht für die sinngemäße deutsche Übersetzung Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens - in Anlehnung an das 1. Buch Samuel, Kapitel 25, Vers 29. Zudem wird zum Abschluß des Textes Jesaja, Kapitel 25, Vers 8 zitiert: Der Tod hat auf ewig verschlungen; dies unterstützt die vorangehende Aussage der Abbreviatur zusätzlich. Bei der Erstellung der Inschrift dürfte der Wunsch nach Schaffung eines Akrostichons dominierend gewesen sein, so daß einzelne Sätze etwas zusammenhanglos aneinandergereiht scheinen. Dies wird zum Beispiel in den Zeilen 10 bis 14 deutlich: Hier stehen die Verdienste (Segen und Gerechtigkeit) und das, was Gabriel zu erwarten hat (Herrlichkeit des Ewigen und Licht), jeweils voneinander getrennt, ohne daß dies durch einen engeren Bezug zur jeweils nachfolgenden Zeile gerechtfertigt scheint. Auch das sonst sehr beliebte Stilmittel des Reimes fehlt. Es fällt auf, daß viele Adjektive und Substantive ihn als gerechten, ehrlichen und gottesfürchtigen Mann darzustellen versuchen. Ob er diese Eigenschaften tatsächlich besaß, ist aufgrund fehlender individueller Nachrichten nicht bekannt. Sein Vater David war bis zu seinem Tod 1834 langjähriger Vorsteher der jüdischen Gemeinde - ein Amt, das auch Gabriel und später dessen Sohn Raphael ausübten und das bis 1871 in der Familie blieb. Daher ist es recht ungewöhnlich, daß in der Inschrift weder von Gabriel noch von seinem Vater erwähnt wird, daß sie Vorsteher der Gemeinde waren; allein die eher gewöhnliche Wendung der geehrte (Z. 2) weist auf eine besondere Stellung in der Gemeinschaft. Den Vornamen Gabriel erhielt er vom Urgroßvater mütterlicherseits - seine Großmutter hieß Nanette bat Gabriel, Tochter des Gabriel. Wie sich bei ihm zeigt, besaßen alle Freudenburger Juden traditionelle hebräische Namen, die allerdings nur in Synagogenregistern oder auf Grabsteinen erschienen. Als bürgerliche Namen wurden homophone oder den hebräischen ähnlich klingende Vornamen gewählt; Nanette könnte zum Beispiel ein Diminutiv von Chaja oder Channa gewesen sein. Auch die Namen der Kinder orientierten sich traditionell an denen der Vorfahren: Gabriels ältester Sohn (Geb. 19.02.1829, Gest. 12.11.1846) wurde nach seinem Urgroßvater Raphael (Geb. um 1727, Gest. 02.06.1813) genannt; nach dem Tod seines Vaters nannte er den danach geborenen Sohn David (Geb. 27.07.1839, Gest. 04.03.1915).

Einordnung

Kategorie:
Bau- und Kunstdenkmale / Sakralbauten / Grabstätten
Zeit:
19. Jahrhundert
Epoche:
Klassizismus

Lage

Geographische Koordinaten (WGS 1984) in Dezimalgrad:
lon:   6.534283
lat: 49.543059
Lagequalität der Koordinaten: Genau
Flurname: Oberm Tillborn

Internet

http://www.freudenburg.de/

Datenquelle

Günter Heidt, Dirk S. Lennartz; Fast vergessene Zeugen, Juden in Freudenburg und im Saar-Mosel-Raum 1371-1943, Selbstverlag 2000

Bildquellen

1 Bild: Heid / Lennartz: Fast vergessene Zeugen. Verlag der Autoren, 2000
2 Bild: aus: Heid / Lennartz: Fast vergessene Zeugen. Verlag der Autoren, 2000
3 Bild: © Diana Wuytack, 2012.
4 Bild: © Diana Wuytack, 2012.
5 Bild: © Diana Wuytack, 2012.
6 Bild: © Diana Wuytack, 2012.

Stand

Letzte Bearbeitung: 08.07.2012

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